Die Jagd nach Klopapier

Zum Glück verbraucht man zu Zweit nicht so viel Klopapier. Nachdem ich mitbekommen habe, dass alle Klopapier hamstern, habe ich unsere Bestände geprüft und festgestellt, dass ich noch zwei Rollen habe.

Mir war nicht klar, dass ich zwölf Tage und 11 Marktbesuche brauche, um eine Packung Klopapier zu erhalten.

Erst war ich amüsiert, dann genervt. Als ich noch eine Ersatzrolle und eine fast leere hatte, wandelte sich meine Gefühlslage in Zorn. Ich verstehe nicht, warum die Menschen in Deutschland Klopapier hamstern.

Klar, wenn man zu Hause ist statt auf der Arbeit, dann geht man auch häufiger zu Hause auf die Toilette. Der Verbrauch steigt also an. Aber selbst dieser Mehrverbrauch ist nicht so hoch, dass man fünf Packungen oder mehr auf Vorrat kaufen muss. Das sind 40 Rollen.

Warum haben die Menschen Angst, dass in Deutschland das Klopapier ausgeht? Toilettenpapier ist eines der berechenbarsten Produkte auf dem Markt. Ich glaube kaum, dass es dabei große Schwankungen in der Jahresabsatzmenge gibt. Wie kann man davon ausgehen, dass den Herstellern das Klopapier ausgeht?

Habt ihr auch gehamstert? Wenn ja, warum?

3 Gedanken zu „Die Jagd nach Klopapier“

  1. Toilettenpapier ist ein ziemlich schwieriges Produkt. Viel Volumen bei niedrigem Preis. 500 Packungen Toilettenpapier füllen im Supermarkt einen kompletten Gang bei niedriger Gewinnmarge und hohen Transportkosten. Du kannst als Supermarkt nicht mal eben 2 zusätzliche LKW Ladungen nur Toilettenpapier nachbestellen, die Lager der Supermärkte sind auf “just in time” Logistik ausgelegt. Minimale Lagerfläche bei maximaler Verkaufsfläche.

    Jetzt kommen da mehrere psychologische Faktoren ins Spiel:
    1. Wir sind den Anblick leerer Regale im Supermarkt nicht gewohnt. Die REWE Kaufhalle direkt neben meiner Arbeitsstätte hat ein Einzugsgebiet von gut 2.000 Haushalten. Wenn da jetzt 10% der Kunden eine einzelne Packung kaufen, ist der Gang mit Toilettenpapier schlagartig halb leer. Und leere Regale stechen ins Auge. Die anderen Kunden sind sich plötzlich unsicher, ob man vielleicht eine Information verpasst hat und – sicher ist sicher – nehmen auch eine Packung mit (und bei einer Packung sprechen wir ja nicht von hamstern). Bis zur nächsten geplanten Lieferung mit Toilettenpapier sehen die Kunden also tagelang leere Regale. Und sobald da auch nur eine Packung wieder ins Regal geräumt wird, muss man zuschlagen.
    Bei vielen Produkten wird das mit Absicht gemacht, “Künstliche Verknappung” nennt man das im Marketing, um die Nachfrage anzuheizen. Nur dass dieses Mal eben kein Nachschub im Lager vorhanden war.

    2. “Kontrollverlust”. Viele Menschen sind verständlicherweise im Angesicht einer Virenerkrankung verunsichert. Auch mit Situationen wie “Ausgangssperren” und “häusliche Quarantäne” waren wir in Deutschland nie wirklich konfrontiert.
    Wenn sich jemand hilflos fühlt, versucht er die Kontrolle über sein Schicksal zurückzugewinnen. Das machen viele durch Einkäufe. Man beruhigt sein Gewissen, alles in seiner Macht stehende getan zu haben, um einer Gefahr zu begegnen. Und während dir 500 Salatgurken binnen einer Woche in der Wohnung verschimmeln, sind 10 Packungen Toilettenpapier, 20 Packungen Nudeln und 10 Packungen Reis weder ein finanzieller Ruin noch stellen sie dich vor Lagerprobleme. Zur Not legst du sie halt unters Bett und brauchst die nächsten 4 Jahre keins mehr kaufen.
    Im Januar wurde auch in jedem Bericht, den ich über Corona gelesen habe, als Symptome erhöhte Temperatur, Husten und Durchfall genannt.

    3. Wie du schon gesagt hast, ist Klopapier kein saisonales Produkt. Die Hersteller können sehr genau abschätzen, welche Anzahl an Rollen sie pro Monat produzieren und vor allem absetzen können. Darauf ist die Produktion optimiert. “Mal eben” die Produktion um 500% hochfahren ist technisch einfach nicht möglich. Das geben die Fabriken nicht her.

    Ich habe nicht gehamstert. Als die Hamsterkäufe in Deutschland begannen, hatte ich (wie immer) eine volle Packung neben der Waschmaschine stehen. Die hält bei mir 4 Monate. Also auch wenn ich seit 2 Wochen täglich die leeren Regale sehe, spüre ich noch keine Not.
    Tatsächlich war ich aber für Freunde einkaufen, die in der exakt gleichen Situation wie du waren. Wer jetzt im medizinischen Bereich arbeitet, hat einfach keine Möglichkeit vormittags um 10 Uhr im Supermarkt zu stehen und nach der Arbeit sind die Regale schon wieder leer. Und da ich den Vorteil habe, die REWE Kaufhalle als direkten Nachbarn auf Arbeit zu haben und aus meinem Bürofenster die Laderampe der Anlieferung sehe, weiß ich genau, wann Toilettenpapier ankommt, kann 15 Minuten später in der Kaufhalle stehen und eine Packung erwerben.
    Eine Schulfreundin von mir hat 3 Kinder, arbeitet im Krankenhaus und ihr Mann auf Montage. Ich hatte über die Toilettenpapierkrise gescherzt und sie erwähnte da nebenbei, dass auch sie jetzt Küchenrolle und Taschentücher kaufen musste. Als ich dann nach der Arbeit eine Packung vorbei gebracht hatte, war ich schon ein wenig schockiert, dass ihre Kinder sich gefreut hatten als wäre ich der Weihnachtsmann o_O
    Wie in Dokumentationen über Kinder in Entwicklungsländern, die Freudentänze veranstalten, wenn das Kamerateam ein paar Schokoriegel verteilt. Und das mitten in Deutschland.

    Man stelle sich kurz vor, die Brauereien hätten nicht in Erwartung der Fußball-Europameisterschaft schon ihre Produktion hochgefahren und es wäre zu Knappheit beim Bier gekommen. Die Szenen möchte ich mir nicht vorstellen.

    (P.S.: Wenn ich so längere Texte verfasse läuft scheinbar dein Captcha ab, ich muss immer die Seite neu laden, den Text wieder einfügen und dann absenden)

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    • Hallo,

      danke erstmal für den Hinweis mit dem Captcha – das ist leider nur ein Plugin, welches lokal läuft und deshalb etwas beschränkt ist.

      Mit der Planbarkeit wollte ich eigentlich darauf hinweisen, dass Klopapier nicht gehamstert werden muss. Der Verbrauch unterliegt sehr wenigen Schwankungen.

      Danke auf jeden Fall für die Ausführungen zur Psychologie. Damit macht dein Kommentar meinen Beitrag direkt lesenswert(er). Der Effekt der Käufer einer einzelnen Packung ist mir tatsächlich entgangen. Wenn jeder aus “Reflex” nur eine Packung als Sicherheit mitnimmt, dann sind das ein paar Packungen pro Tag zusätzlich.

      VG eXe

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  2. “P.S.: Wenn ich so längere Texte verfasse läuft scheinbar dein Captcha ab, ich muss immer die Seite neu laden, den Text wieder einfügen und dann absenden”

    Mach dir nix draus, Herr Samsara Toldya – das ist bei mir schon Routine. Ich speichere alles gleich in einer txt, bevor ich mich dem Captcha widme, grins!

    “Eine Schulfreundin von mir hat 3 Kinder, arbeitet im Krankenhaus und ihr Mann auf Montage.” – “…hat einfach keine Möglichkeit vormittags um 10 Uhr im Supermarkt zu stehen…”

    Sowas liegt weniger an Corona, als an den persönlichen Gegebenheiten. Ich werd´ bald 69, bin seit Jahrenden eh meist zu Hause (alleinig) und immer ganz früh bei der nahen Norma – meist vor 7:15. Heute, Samstag, hatte ich um ~ 8:40 schon alle Einkäufe wieder eingeräumt, saß im TV-Sessel und habe mir lokal gestreamt einen Film angeguckt:

    “Die Schreckensfahrt der Orion Star”

    – da gehts um ein tödliches Virus, das auf einem Kreuzfahrtschiff ausbricht. Da in “ami”rikanischen Filmchen aber vieles noch voraussehbarer ist, kommt es, wie es kommen muss: die Guten sind besonders gut, die Bösen sind richtig fies und/oder gemein. Und werden für ihr Tun bestraft.

    Meine Einkäufe unterliegen einer Selbstbeschränkung: ich muß es noch knapp schaffen, alles in einem Rucksack und 3 Beuteln 250 m nach Hause und in den 1. Stock zu tragen – so lange muß die Kraft gerade reichen.

    PS: Knappheit beim Bier würde ich gar nicht merken – ich kaufe nie Bier (oder anderen Alkohol) für zu Hause, weil ich nur Kaffee oder Fanta trinke. Ich speichere vorsorglich ab…

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